Teilprojekt G

Gemeinsinnsdiskurse und religiöse Prägung zwischen Spätaufklärung und Vormärz (ca. 1770 - ca. 1848)

Die Spätaufklärung – nicht nur aufs 18. Jahrhundert beschränkt, sondern bis ins 19. Jahrhundert erfasst – wird gemeinhin mit dem Prozess der Säkularisierung enggeführt. Das Teilprojekt G indes thematisiert die religiöse Herleitung von Handlungsorientierungen, öffentlichem Wirken und privater Lebensführung alter und neuer Funktionseliten an der Wende von der Vormoderne zur Moderne, in der so genannten Sattelzeit. Es sollen Kontinuitäten und Brüche von religiösen  Transzendenzbezügen im Handeln des Adels, der Geistlichkeit, der reformorientierten Bürokratie und des Wirtschaftsbürgertums zwischen ca. 1770 und 1848 analysiert werden.

Christian Friedrich Gille: Erntearbeiter vor Dresden (1866)

Die Aufklärung gilt gemeinhin als eine Epoche, in der sich der Stellenwert der Religion im Leben der Menschen verringerte, zumindest aber ein grundlegender Wandel in der Geltung des Religiösen stattfand. Konzepte wie Säkularisierung, Dechristianisierung, Entkirchlichung oder Enttheologisierung stellen Versuche dar, dieses Phänomen an der Wende von der Vormoderne zur Moderne zu beschreiben. Ungenügend erscheinen diese Beschreibungen insofern, als sie den Eindruck erwecken, die religiöse Prägung der Zeitgenossen habe sich regelrecht verflüchtigt. Die anhaltende Bedeutung der Religion für die Handlungsorientierung der Menschen bleibt so in der Regel unberücksichtigt.

Das Teilprojekt hinterfragt diese Befunde kritisch, indem es Synergien von Aufklärung und Religion am Übergang von der Vormoderne zur Moderne untersucht. Die Epoche der Aufklärung wird dabei bewusst nicht mit dem 18. Jahrhundert enggeführt. Vielmehr soll der Überhang der Spätaufklärung ins 19. Jahrhundert sichtbar gemacht werden, der schon alleine daran erkennbar ist, dass erst in der so genannten Reformzeit in zahlreichen deutschen Ländern jene Persönlichkeiten in Schlüsselpositionen gelangten, die im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts im Geiste der Spätaufklärung akademisch sozialisiert worden waren.

Diesen intellektuellen Prägungen werden das Fortleben hergebrachter Muster von Frömmigkeit ebenso wie Phänomene der Wiederbelebung des Religiösen durch kirchliche Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen zugeordnet. Überdies beschäftigt sich das Teilprojekt mit dem Nebeneinander der Konfessionen in der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Untersucht wird dabei auch, wie sich konfessionskulturelle Kodierungen teilweise aus ihren kirchlichen Kontexten herauslösten und – beeinflusst durch die Ideen der Aufklärung – nun ein verallgemeinertes, gleichsam „säkularisiertes“ Dasein führten. Für die Analyse wird das Zusammenspiel von transzendenten Weltdeutungs- und gemeinwohlorientierten Handlungskonzepten am Beispiel ausgewählter Funktionseliten in den Blick genommen, die in der Zeit zwischen dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) und dem Revolutionsjahr 1848 in Sachsen bzw. in Mitteldeutschland gewirkt haben. Neben dem Adel und der Geistlichkeit als den althergebrachten Eliten der ständischen Gesellschaft werden exemplarisch auch Vertreter der reformorientierten Bürokratie und des neu aufstrebenden Wirtschaftsbürgertums betrachtet. Sachsen und der mitteldeutsche Raum bieten für diese Fragestellung ein reiches Untersuchungsfeld. So war die Stadt Leipzig im 18. und 19. Jahrhundert der Zentralort des deutschen Buchhandels. Hier wurden die Weichenstellungen für die Popularisierung der Ideen der Aufklärung vorgenommen. Daneben war Dresden an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert Treffpunkt fast aller wichtigen Romantiker, so dass dort die politisch-intellektuellen Umbrüche besonders gut greifbar sind. Und nicht zuletzt vollzog sich in Sachsen früh und paradigmatisch der Übergang ins Industriezeitalter, d.h. es mussten zeitig Antworten auf den beschleunigten ökonomischen Wandel und die durch ihn ausgelösten sozialen Verwerfungen, mentalen und ökologischen Probleme gefunden werden.

Projektleitung

Prof. Dr. Winfried Müller
Lehrstuhl für Sächsische Landesgeschichte an der TU Dresden