Teilprojekt C

Dynastie, Idoneität und Transzendenz.

Vergleichende Untersuchungen zum hohen und späten Mittelalter

Das Teilprojekt untersucht in vergleichender Perspektive Konzepte, die die Idoneität einer Dynastie und ihres jeweils zeitgenössischen Vertreters zur Ausübung von Herrschaft durch Transzendierungen auf geschichtlich gewachsene Werte, auf religiössakrale Bezugsrahmen oder auf modellhafte Leitfiguren erweisen und gemeinsinnig machen sollten. Die Untersuchungsbereiche erstrecken sich vom 12. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts und vergleichen Italien, Deutschland und Burgund/Brabant mit ihren Dynastien der Staufer, der Aragonesen, der Wettiner sowie der burgundischen Valois und ihrer Habsburger Erben.

Petrus von Eboli, Liber ad honorem Augusti sive de rebus Siculis

Im Zentrum des Teilprojektes stehen vergleichende Untersuchungen zu dynastischen Plausibilisierungsstrategien von Herrscheridoneität im hohen und späten Mittelalter. Der ab dem 12. Jahrhundert flächendeckend in dynastischen Strukturen organisierte Adel verstand sich als konstitutives Element eines göttlichen Systems, in welchem ihm die Rolle des wehrhaften Schutzes sowie der züchtigenden Gewalt zukam und das ihn von daher zur Übernahme von Herrschaft befugte. Als unbezweifelbarer Bestandteil des kulturellen Systems hatte demnach gegolten, dass die Herrschaftsansprüche des dynastischen Adels insofern legitimiert waren, als sie prinzipiell auf die Unverfügbarkeit einer von Gott geschaffenen Sozial- und Weltordnung rekurrierten.

Neben die Legitimation durch religiöse Transzendenz tritt die Legitimierung durch Formen dynastischer Transzendenz, und zwar in der Fokussierung auf die Herrschaftsansprüche des jeweiligen konkreten Vertreters einer Dynastie. Persönliche Idoneität zur Herrschaft ließ sich vor allem dann mit Anspruch auf gemeinsinnige Geltung durchsetzen, wenn gezeigt werden konnte, dass die jeweilige Person durch Eigentranszendierung auf die numinose Geschichtsmächtigkeit der dynastischen Vorgänger die eigene Leistungserwartung überstieg. Voraussetzung war die Annahme, dass Dynastien geschichtlich gewachsene Werte ebenso des Religiös-Sakralen wie des Profan-Politischen in jeweiliger Kristallisation von modellhaften Leitfiguren ansammelten und damit jeden ihrer nachfolgenden Vertreter gleichsam geblütsrechtlich ‚kontaminierten’.

In beiden Fällen war die Notwendigkeit der Transzendierung lebensweltlicher Befindlichkeiten auf gleichsam metaphysische Gesetzmäßigkeiten unbestritten. Probleme zeigten sich erst, wenn es – wie im Fall der dynastischen Transzendenz – um den Nachweis gehen musste, dass zum einen die Transzendierungsbehauptungen der jeweiligen Person tatsächlich gerechtfertigt waren und dass zum anderen die Ordnung, auf die transzendiert wurde, auch jene behauptete Geschichtsmächtigkeit besaß. Im Ergebnis zählte, wie plausibel die konkreten Transzendierungsakte jeweils waren. Gelang es, auch die Idoneität eines einzelnen Vertreters des dynastischen Adels durch plausible Transzendierungsakte akzeptabel und damit zur gemeinsamen Geltungsgrundlage zu machen, dann dürfte der konkrete Anspruch auf Herrschaft die bestmögliche Sicherung erreicht haben.

Die textliche und oftmals auch graphische Ausgestaltung entsprechender Transzendierungsstrategien geschah in Form genealogischer Konstruktionen. Sie stellen das Untersuchungsmaterial des Teilprojektes dar. Hierbei sollen zwei verschiedene Konzepte des genealogischen Denkens im Vordergrund der Betrachtung stehen, die allerdings nur idealtypisch als voneinander getrennt beschrieben werden können, da es bei beiden um den Nachweis symbolischer Verkörperungen ging. Es handelt sich um Entwürfe von dynastischen Konstruktionen, die den gegenwärtigen dynastischen Vertreter zum einen auf die genealogische Gesamtheit der Vorfahren und zum anderen auf bestimmte modellhafte (oftmals euhemeristisch gedeutete) Gestalten beziehen sollte, welche in der Regel der eigenen Vorfahrenschaft entstammten oder als solche behauptet wurden, welche aber auch nur virtuell „angesippt“ werden konnten.

Da es konkret um die Analyse von historisch bedingten und damit kontingenten Plausibilisierungstechniken gehen wird, stellt ein möglichst breites Untersuchungsfeld die entscheidende Voraussetzung für überzeugende Projektergebnisse dar. Das Teilprojekt greift deshalb genealogische Konstrukte vom 12. bis zum 16. Jahrhundert auf und wendet sich dabei unterschiedlichen Regionen und Dynastien von besonderer Signifikanz zu – dem Reich und Süditalien der Staufer sowie in deren sizilianischen Nachfolge der Aragonesen, dem Kurfürstentum Sachsen der Wettiner und dem burgundisch/brabantischen Herrschaftsraum der Valois sowie in deren Nachfolge der Habsburger. Zudem sollen Untersuchungen zu heils- und profangeschichtlichen Transzendierungen und Semantiken des Gemeinsinns in der Florentiner Enzyklopädik des 14. und 15. Jahrhunderts die wissensgeschichtlichen Rahmungen genealogischer Behauptungen exemplarisch aufzeigen.

Projektleitung


Prof. Dr. Gert Melville

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Projektleitung

Dr. Cristina Andenna
Dipartimento di scienze storiche, linguistiche e antropologiche an der Università degli studi della Basilicata, Matera