Programm

Forschungsansatz

Die Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften haben sich wieder verstärkt der Religionsthematik zugewandt und deren Rolle als gesellschaftliche Ordnungsmacht intensiv diskutiert. Zugleich hat eine Auseinandersetzung über die soziomoralischen Grundlagen moderner Gesellschaften stattgefunden. Der SFB 804 nimmt beide Diskussionsstränge auf, wendet sie aber in der konzeptuellen Verknüpfung von „Transzendenz“ und „Gemeinsinn“ als den diskursiven und praktischen Konstitutionsressourcen sozialer und politischer Ordnungen zu einer systematischen Fragestellung.

Unter „Transzendenz“ werden dabei solche Diskurse und Praktiken gefasst, die soziale und politische Ordnungen im Rekurs auf die Konstruktion von Unverfügbarkeiten begründen. Der Begriff des Transzendenten lässt sich also nicht auf die christliche Religion, den Monotheismus bzw. das Religiöse überhaupt verkürzen. Der SFB 804 nimmt auch und gerade solche Formen der „Transzendenz“ in den Blick, die nicht dem Feld des Religiösen zugeordnet werden (z. B. „Zivilreligion“, Ursprungs- und Herkunftslegenden, szientistischer Fortschrittsglaube, „Kunstreligion“). Als „Gemeinsinn“ wird ein Prozess der Generierung und Behauptung von Sinn in den Blick genommen, der in seiner doppelten Gerichtetheit – als individueller Sinn für das Gemeinsame und als gemeinsamer Sinn der Individuen – einen für soziale und politische Ordnungen gemeinsamen Horizont des Handelns und Verhaltens schafft.

Neue Perspektiven

Die analytischen Kategorien von „Transzendenz“ und „Gemeinsinn“ lassen somit eine neue Perspektive zur Klärung der Grundfrage nach den Voraussetzungen, Bedingungen und Ressourcen für die Konstituierung und Stabilität von sozialen und politischen Ordnungen gewinnen: Welche Bedeutung haben „Transzendenzen“ für die Mobilisierung von Handlungsressourcen der Gemeinschaft? Besitzen Gemeinsinnsbehauptungen selber einen „transzendenten“ Status? Untersucht wird, ob und wie Diskurse und Praktiken der „Transzendenz“ „Gemeinsinn“ erzeugen, und ob und wie sich gemeinsame Horizonte des Handelns und Verhaltens auf einen Rahmen von „Transzendenzen“ stützen. Die daraus entstehenden Wechselbezüge, Ambivalenzen und Konflikte sind Gegenstand der empirischen und systematischen Untersuchungen. In ihnen kann gezeigt werden, wie „Transzendenz“-Konstruktionen und „Transzendenz“-Auslegungen mit „gemeinsinnigen“ Bindungs- und Vergemeinschaftungsformen zusammenspielen.

Die einzelnen Teilprojekte machen, exemplarisch und historisch-systematisch vergleichend, soziale und politische Ordnungsformationen von der Antike bis zur Gegenwart – etwa religiöse Gemeinschaften, städtische Lebenszusammenhänge, höfische Gesellschaften, nationale Staatsbildungen, demokratische und republikanische, auch totalitäre Ordnungen oder aber bestimmte Berufs- und Sozialgruppen (Künstler, Ingenieure, Architekten, Adlige, Gelehrte, Pfarrer, Politiker) – zu ihrem jeweiligen Untersuchungsgegenstand.